von Héctor García und Francesc Miralles · 2016
Das Buch in drei Sätzen
5 Min. Lesezeit · kostenlos, ganz ohne Konto
Grob übersetzt ist Ikigai der Grund, morgens aufzustehen – das, was deinem Leben Sinn gibt. Die Autoren beschreiben es auch als das Glück, immer mit etwas beschäftigt zu sein, das dir etwas bedeutet. Genau das beobachteten sie bei den Ältesten von Ōgimi, die bis ins hohe Alter jeden Tag etwas zu tun haben. Das bekannte Diagramm mit vier Kreisen – was du liebst, worin du gut bist, was die Welt braucht, wofür du bezahlt werden kannst – greift das Buch auf; es stammt allerdings aus dem Westen.
Praxistipp Frag dich, womit du dich auch ohne Bezahlung gern jeden Tag beschäftigen würdest.
Die erste der zehn Regeln lautet, immer aktiv zu bleiben und sich nie zur Ruhe zu setzen. Wer mit dem Ende des Berufslebens alles aufgibt, was er gern und gut getan hat, verliert laut den Autoren leicht seinen Halt. Das Buch behauptet sogar, das Japanische kenne kein Wort für einen Ruhestand im Sinne von endgültigem Aufhören. Ob das stimmt, ist umstritten. Der Gedanke dahinter aber trägt: Eine Aufgabe, die bleibt, gibt auch dem Alltag nach dem Beruf eine Richtung.
Praxistipp Überleg dir, welche Tätigkeit du nach dem Berufsleben weiterführen willst, und pflege sie schon jetzt.
Beim Essen gilt auf Okinawa die Regel Hara hachi bu: aufhören, wenn der Magen zu etwa 80 % gefüllt ist, statt bis zum Völlegefühl zu essen. Auf den Tellern der Ältesten landet viel Abwechslung – reichlich Gemüse, Tofu und Süßkartoffeln, wenig Zucker und Salz. Dazu kommt Bewegung ohne Leistungsdruck: Gartenarbeit, Spaziergänge oder Radio-Taiso, eine kurze Morgengymnastik nach Anleitung aus dem Radio. Auch Yoga, Tai-Chi und Qigong stellt das Buch als sanfte Formen vor.
Praxistipp Leg bei der nächsten Mahlzeit das Besteck weg, sobald du dich fast satt fühlst.
Auffällig ist, wie eng die Menschen in Ōgimi miteinander verbunden sind. Viele gehören einem Moai an, einer festen Gruppe, deren Mitglieder sich ein Leben lang gegenseitig unterstützen. García und Miralles sehen in dieser Zugehörigkeit einen Schlüssel zu einem langen, zufriedenen Leben. Zwei der zehn Regeln greifen das auf: Umgib dich mit guten Freunden, und lächle – eine freundliche Haltung entspannt und macht es leichter, mit anderen in Kontakt zu kommen.
Praxistipp Vereinbare mit zwei, drei Freunden ein festes Treffen pro Monat – deinen eigenen kleinen Moai.
Die Autoren verbinden Ikigai mit dem Flow, den der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi beschrieben hat: einem Zustand, in dem du so in einer Tätigkeit aufgehst, dass du die Zeit vergisst. Flow entsteht, wenn du ein klares Ziel hast, die Aufgabe dich fordert, ohne dich zu überfordern, und nichts dich ablenkt. Wer oft in diesen Zustand kommt, ist nach ihrer Lesart seinem Ikigai nah. Die Tätigkeiten, bei denen dir das gelingt, sind deshalb ein guter Wegweiser.
Praxistipp Schalte alle Benachrichtigungen ab und widme dich eine Stunde lang nur einer Aufgabe mit klarem Ziel.
Für schwere Zeiten greift das Buch auf mehrere Denkschulen zurück. Aus Viktor Frankls Logotherapie übernimmt es den Gedanken, dass ein Sinn im Leben hilft, auch harte Umstände durchzustehen. Die japanische Morita-Therapie rät, Gefühle anzunehmen, statt gegen sie anzukämpfen, und trotzdem zu tun, was gerade ansteht. Aus Buddhismus und Stoizismus stammt die Übung, sich mögliche Verluste vorab auszumalen. Und mit Nassim Nicholas Talebs Antifragilität geht es darum, an Rückschlägen zu wachsen, statt sie nur auszuhalten.
Praxistipp Benenne das nächste unangenehme Gefühl, ohne es wegzuschieben, und erledige dann den nächsten kleinen Schritt.
Zwei japanische Begriffe runden das Buch ab. Wabi-Sabi sieht Schönheit im Unvollkommenen, Vergänglichen und Unfertigen: Nichts muss makellos sein, um wertvoll zu sein. Ichi-go ichi-e erinnert daran, dass jeder Augenblick nur einmal so stattfindet und deine volle Aufmerksamkeit verdient. Beide passen zu den letzten Regeln des Buchs: Lebe den Augenblick, statt der Vergangenheit nachzutrauern oder die Zukunft zu fürchten, und bedanke dich – bei den Menschen um dich, bei der Natur und für alles, was deinen Tag bereichert.
Praxistipp Leg im nächsten Gespräch das Handy weg und hör nur zu.
Die zehn Regeln, mit denen das Buch endet, in ihrer Reihenfolge – mit dem Gedanken dahinter und einem einfachen ersten Schritt.
| Regel | Der Gedanke dahinter | So fängst du an |
|---|---|---|
| Bleib immer aktiv, setz dich nie zur Ruhe1. Regel | Wer aufgibt, was er gern und gut tut, verliert leicht den Halt. | Pflege eine Aufgabe, die dir auch ohne Job bleibt. |
| Bewahre die Ruhe2. Regel | Hetze gilt als Gegenspieler eines langen Lebens. | Iss eine Mahlzeit am Tag ohne Bildschirm. |
| Iss dich nicht satt3. Regel | Hara hachi bu: aufhören, wenn der Magen zu etwa 80 % gefüllt ist. | Nimm einen kleineren Teller. |
| Umgib dich mit guten Freunden4. Regel | Feste Gruppen wie der Moai tragen ein Leben lang. | Mach einen festen Termin mit Freunden aus. |
| Halte dich fit für deinen nächsten Geburtstag5. Regel | Sanfte, tägliche Bewegung statt Hochleistung. | Geh jeden Tag ein Stück zu Fuß. |
| Lächle6. Regel | Eine freundliche Haltung entspannt und verbindet. | Begrüße die Menschen heute bewusst freundlich. |
| Nimm wieder Kontakt zur Natur auf7. Regel | Der Mensch ist Teil der Natur und tankt dort Kraft. | Verbring diese Woche bewusst Zeit im Grünen. |
| Bedanke dich8. Regel | Dankbarkeit für die Menschen um dich, die Natur und alles, was den Tag bereichert. | Bedank dich heute konkret bei jemandem. |
| Lebe den Augenblick9. Regel | Nicht der Vergangenheit nachtrauern, nicht die Zukunft fürchten. | Tu beim Essen oder Zuhören nur das eine. |
| Folge deinem Ikigai10. Regel | Jeder hat etwas, das seinen Tagen Sinn gibt. | Noch unklar? Achte darauf, wobei du die Zeit vergisst. |
Der rote Faden: Die Regeln fassen zusammen, was die Autoren im Alltag der Ältesten von Ōgimi beobachtet haben – kleine Gewohnheiten statt großer Vorsätze.
Was du aktiv abrufst, behältst du besser, als wenn du es nur noch einmal liest. Überleg dir die Antwort, bevor du nachschaust.
Was bedeutet Ikigai?
Grob übersetzt: der Grund, morgens aufzustehen – das, was deinem Leben Sinn gibt.
Die Autoren beschreiben es auch als das Glück, immer mit etwas beschäftigt zu sein.
Was ist Flow, und was hat er mit Ikigai zu tun?
Ein Zustand völliger Vertiefung, in dem die Zeit verfliegt. Wer oft im Flow ist, ist seinem Ikigai nah.
Das Konzept stammt vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi.
Was lehrt die Morita-Therapie?
Gefühle annehmen, statt gegen sie anzukämpfen – und trotzdem tun, was gerade zu tun ist.
Begründet hat sie der japanische Psychiater Shoma Morita.
Wie lautet die dritte Ikigai-Regel?
Iss dich nicht satt.
Auf Okinawa heißt die Regel „Hara hachi bu“: aufhören, wenn der Magen zu 80 % gefüllt ist.
Kostenlos im Learner von Web Highlights – ganz ohne Konto.
Ja, als kurze, freundliche Anregung, über deinen Alltag und das, was ihm Sinn gibt, nachzudenken. Wissenschaftliche Tiefe oder eine Schritt-für-Schritt-Anleitung solltest du nicht erwarten.